Erfahrungsbericht (Teil 3)

3. Teil des Erfahrungsberichtes Flüchtlingsarbeit von Joe:

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Unsere Flüchtlinge haben alle noch Wurzeln in ihrer Heimat, Eltern, Geschwister, Ehepartner, Kinder. Und alle wollen mit ihren Lieben in Kontakt bleiben. Das hat in den ersten zwei Jahren dazu geführt, dass jeder über seinen Handy Vertrag richtig viel Datenverkehr hat laufen lassen, und nicht wenige unserer Flüchtlinge mit Forderungen von Mobilfunkanbietern von hohen dreistelligen oder auch vierstelligen Beträgen konfrontiert wurden. Dieser Umstand hat mich motiviert, auch das Thema Internet für alle in der Asylbewerberunterkunft anzugehen. Abklären mit dem Vermieter des Gebäudes, dass ich eine der fünf Telefonleitungen mit DSL belegen darf, dann die Telekom beauftragen, die brauchten drei Anläufe, bis dann endlich eine 50 Mbit-Leitung lag. Darauf aufbauend habe ich nun an einem zentralen Punkt im Gebäude ein WIFI aufgesetzt, welches aber eben nicht in jeden Winkel des Gebäudes strahlt. Das Internet ist nicht kostenlos, auch das ist etwas, was die Flüchtlinge lernen müssen. Jeder Nutzer zahlt an mich pro Halbjahr einen bestimmten Betrag, und ich schalte dann sein Gerät zur Nutzung frei. Die Flüchtlinge hätten am liebsten, wenn sie ihr Streaming aus der Heimat und in Landessprache auf ihrem Zimmer machen könnten. Die Ansprüche steigen mit jedem neuen Komfort-Level – und ich gebe zu, dass ich da auch dann beginne emotional auszusteigen. Denn ich halte es für mehr als zumutbar, wenn man sich in einen zentralen Gemeinschaftsraum begibt, um Internet zu machen. Aber dann spreche ich wieder mit einer jungen Mutter aus Eritrea, die mir beschreibt, dass sie mit Ihrem Säugling im Gemeinschaftsraum nicht wirklich gut aufgehoben sei, und ich kann das verstehen. Im Ergebnis steht aktuell das Projekt „Ausleuchten“ in den Startlöchern.
Im neuen Jahr bekommen wir weitere siebenundzwanzig Flüchtlinge in das bestehende Gebäude, und Mitte des Jahres vermutlich vierzig unbegleitete Minderjährige. Alle wollen mobil sein und alle wollen Internet. Diese letzte Erkenntnis hat mich nun motiviert, meine beiden Themen, Räder und Internet, zu professionalisieren. Das heißt konkret, dass meine Frau Silke, die ebenfalls bei MAN arbeitet, und ich, eine gemeinnützige Unternehmergesellschaft (UG) gegründet haben, über die wir die steigenden Material- und Geldflüsse abwickeln wollen. Wir sind im Handelsregister eingetragen, haben eine Website, www.think-twice-fih.de, und sind bei Facebook. Die Gemeinnützigkeit hilft uns, Spendenquittungen ausstellen zu können. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil es viele Organisationen gibt, wie Sparkassen, Volksbanken, Gemeinden und Unternehmen und Stiftungen, die laut eigener Satzung soziale Geldzuwendungen nur an gemeinnützige Organisationen richten dürfen. Unsere Gemeinnützigkeit steht auch den Helferkreisen im ganzen Landkreis Dachau zur Verfügung, dass sie Spenden empfangen können, so haben wir es in unserer Satzung festgelegt. Auf diese Weise müssen die Helferkreise nicht immer gemeinnützige Vereine gründen.
Was bringt uns die Zukunft? Ich hoffe, dass ich mit dem Fahrrad Reparieren aus dem Keller in eine passable Halle wechseln kann, ich möchte die Werkstatt dann für alle Bürger öffnen, so dass über unsere Reparaturen Geld herein kommt, möchte ein Bike Kit anbieten, den wir bei einem Großhändler selbst konfigurieren und bei Bedarf abrufen können, um dann gemeinsam mit unserem Kunden und Flüchtlingen in Form gelebter Integration ein Rad mit unserem Social Product Brand „Think Twice“ zusammenzubauen. Ich kann mir vorstellen, dass ich in absehbarer Zeit, Arbeitsverträge an ein oder zwei Flüchtlinge geben kann, und wir dann nicht mehr nur an Samstagen, sondern auch an anderen Tagen die Werkstatt öffnen. Und vielleicht finde ich auch noch einen engagierten Radl-Meister, der die Idee, in unserer Firma auszubilden, unterstützt. – Und all das räumlich neben dem Integrationscafé, das meine Frau in Hebertshausen aufbauen will, und dafür auch unglaublich viel Zuspruch bekommt.