Erfahrungsbericht (Teil1)

Flüchtlinge mobil machen – Ein Erfahrungsbericht von Joe (Teil1)

 

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Mitte 2013 gab es die Ankündigung für unseren Heimatort, Hebertshausen bei Dachau, dass dort ca. 45 Asylbewerber untergebracht werden sollten. Nachdem ich mich angesichts guter Gesundheit und wirtschaftlicher Absicherung von mir selbst und meiner Familie bereits seit einiger Zeit mit dem Gefühl auseinandergesetzt hatte, ich würde gerne etwas „zurückgeben“, fasste ich schließlich den Entschluss, mich tatsächlich zu engagieren. Meine konkrete Idee war, dass ich mein Jugendhobby, an Fahrrädern zu schrauben, als Beitrag anbieten könnte. Und so bin ich Mitte 2013 zu einem der ersten Treffen des Helferkreises im Gasthof „Waldfrieden“ gegangen. Ich kannte niemanden. Wider Erwarten war das kein Kreis von Esoterikern oder einschlägig eingefärbten Lokalpolitikern, sondern ich traf auf Menschen, Bürger und Nachbarn in Hebertshausen, die vor allem eine Idee verband: Die Gemeinde und ihre Bürgern sollten aktiv mit den Flüchtlingen zusammenkommen, ihnen bei ihren Belangen helfend und beratend zur Seite stehen, damit Integration überhaupt eine Chance hat – und, damit es nicht von Beginn an zu einer sich im Zweifel steigernden Konfrontation zwischen Einheimischen und Fremden kommt. „Fahrräder schrauben? Aber Du bist doch IT’ler und Schreibtischtäter“,…war die anfängliche Skepsis. Die verflog allerdings sehr schnell, nachdem ich tatsächlich damit anfing, regelmäßig, und beinahe jeden Samstag seit zweieinhalb Jahren, zwischen vier, manchmal 6, manchmal 8 Stunden, Fahrräder zu schrauben. Das erste Jahr aus dem offenen Kofferraum heraus, auf einem Kinderplastikstuhl von IKEA und ohne Montageständer. Mittlerweile sind wir in den Keller der Unterkunft eingezogen, haben Wetterschutz, einigermaßen Platz und Licht, und zwei gute Montageständer. Das ist regelmäßig der halbe Samstag, den ich mir selbst und auch meiner Familie als Freizeit entziehe; da muss die Familie mitmachen, was sie aus Überzeugung auch tut. Mittlerweile haben wir in Hebertshausen 65 Flüchtlinge, beinahe jeder hat ein Fahrrad. Irgendwann hat sich mein Spitzname „Mr. Joe“ etabliert, ein Nigerianer, Okoli, nennt mich sogar „Uncle Joe“. Ich habe ihn gefragt, warum „Uncle“, – ja, das würde man in Nigeria zu den respektierten Älteren sagen, ein Ehrentitel gewissermaßen. Ich musste schlucken. Aber er hatte irgendwie auch Recht, denn als ich klein war, war die Anrede von Erwachsenen in unserem Dorf auch oftmals „Onkel Hakenes“ oder „Tante Suttrup“, und unsere Flüchtlinge sind alle mindesten 20 Jahre jünger als ich. Also ok: Uncle Joe für Okoli….

(Teil 2 folgt)